Morgen sind wir in Rom… Portrait eines Fernwanderers

Erste Schritte am Jakobsweg

Als Simon seine Lehre als bautechnischer Zeichner abschloss, suchte er vergeblich nach Arbeit. Seine Mutter wusste, dass er schon lange eine Weltreise machen wollte, zu Fuß die Welt erkunden, frei sein. Sie schlug ihm vor, den Jakobsweg zu gehen, um herauszufinden, ob das Fernwandern denn überhaupt das Richtige für Simon ist. Kurzerhand buchte er sein Ticket nach St. Jean pied de Port und startete seine erste Fernwanderung. Es waren 700 Kilometer, welche Simon auch lange Zeit nach der Reise nicht losließen, er schnupperte Fernwanderluft und eine Leidenschaft begann in ihm zu wachsen. Er wollte mehr. Unabhängig sein von Unterkünften, Restaurants und Zeit. Simon optimierte seine Ausrüstung, packte so wenig wie möglich. Nach zwei Wochen Training und grübeln, wann denn der richtige Zeitpunkt zum Starten wäre, machte er sich auf den Weg in sein bisher größtes Abenteuer. Sein Ziel war Rom. 1200 Kilometer ohne fahrbaren Untersatz und eine Straßenkarte lagen vor ihm.

Von Altmünster nach Rom

Die ersten beiden Wochen waren die härtesten. Der Rucksack drückte, die Schuhe taten weh, oft stapfte Simon schimpfend vor sich hin. Wann würden diese fürchterlichen Schmerzen wohl endlich vergehen? Sie zwangen ihn zu vielen Pausen, um danach festzustellen, dass das Hinaufwuchten des Rucksacks noch viel schmerzhafter war. So einfach wäre es, Daumen raushalten und in zwei Tagen wieder zu Hause sein. Der innere Schweinehund stellte Simon auf eine gewaltige Probe, doch er blieb standhaft. Zu wichtig war ihm diese Erfahrung. Die Tage vergingen und irgendwann gewöhnte sich sein Körper an das zusätzliche Gewicht. Durch das alleine Sein lernte Simon sich selbst zu vertrauen, Ruhe zu bewahren. Durch die Wanderung am Jakobsweg wurde Simon viel achtsamer und einfühlsamer, er nahm Käfer und andere Insekten, die seinen Weg kreuzten, wahr. Früher wäre er wohl unachtsam darauf getreten.

Philipp

Gemeinsam mit einem Radfahrer passierte Simon die italienische Grenze. Eine Weile später traf er auf einen Wanderer, der bereits von Simons Unterfangen gehört hatte. Er erzählte Simon, dass er bereits auf ihn gewartet hat, denn auch er war gerade zu Fuß unterwegs nach Rom. Kann es sein? Das am gleichen Tag, am gleichen Ort jemand genau dieses Ziel hat? So lernte Simon Philipp kennen und aus Fremden wurden Freunde, die gemeinsam nach Rom wanderten.

Zeitgefühl und Veränderung

Die Zeit wurde von Tag zu Tag belangloser und so orientierten sich Simon und Philipp an der Sonne. Wenn es brütend heiß wurde, machten die beiden eine Mittagspause, in der Dämmerung suchten sie ihren Zeltplatz und wenn sie müde wurden, gingen sie schlafen. Zu Fuß wird einem die Weite eines Landes erst bewusst. Man kann jederzeit stehen bleiben, Details, Tiere, Pflanzen beobachten. Simon lernte sich selbst noch einmal kennen, sich einschätzen und wurde mental extrem gestärkt. Ihm wurde klar, dass es zum Leben nicht viel braucht, er brach aus dem Konsumwahn aus, wollte nicht mehr überhäuft sein von Material und Ballast. Simons Prioritäten veränderten sich. Weg vom Materialismus hin zum Minimalismus. Einfachheit bekam während der zweieinhalb monatigen Wanderung einen hohen Stellenwert, auf Besitz hocken kann der gebürtige Oberösterreicher nicht mehr nachvollziehen. Was bringt es, dem Geld hinterherzujagen, um es anschließend für Dinge auszugeben, die in der heutigen Wegwerfgesellschaft sowieso kurzlebig sind. Simon lernte es zu schätzen, wie einfach das Leben doch tatsächlich ist.

Ausschnitt aus Simons Tagebuch

…am Straßenrand steht ein Autofahrer. Er erklärt uns, dass die Straße weiter vorne endet und Rom in die andere Richtung liegt. Doch wir vertrauen auf unseren Reiseführer. Auf meinen, denn die Autoren von Philipps Reiseführer glauben, dass es nach Rom keinen vernünftigen Weg gibt und empfehlen deshalb den Bus zu nehmen. Laut Wegbeschreibung sind wir richtig. Wir verabschieden uns von dem netten Autofahrer und seiner Freundin und wandern in die „falsche“, jedoch richtige Richtung. Jetzt kommt sie. Die Letzte Steigung. Die allerletzte. Es geht den Hügel hinauf, die Spannung ist kaum auszuhalten. Oben angekommen können wir es sehen. Das Ziel. Rom! Den Vatikan, den Petersdom! Da liegt sie zu unseren Füßen, wie schon tausenden Menschen vor uns. Aber für uns ist es ein ganz besonderer Anblick, wie die ewige Stadt vor uns liegt. Wir wandern den Hügelrücken entlang, auf der Strada Privada. Die Hunde bellen, und laufen den Zäunen der Villen entlang. Wir suchen uns auf dem Hügel einen Zeltplatz. Unter Bäumen etwas versteckt, inmitten eines abgemähten Getreidefeldes. Ein Zeltplatz mit Aussicht auf Rom. Der wohl schönste Zeltplatz auf der ganzen Reise. Morgen sind wir am Ziel. Morgen haben wir es geschafft. Morgen sind wir in Rom… wehmütig und stolz schaue ich auf die ewige Stadt hinunter. Ein Gefühlsmischmasch aus Wehmut, Stolz, Ehrgeiz, Müdigkeit, und Freude. Gerade nicht zum Weinen, aber dennoch, ein unglaubliches Gefühl. Stolz die Reise, den ganzen Weg geschafft zu haben, obwohl ich am Beginn der Reise am Erfolg gezweifelt habe. Wehmütig, dass die schöne Zeit vorbei ist. Ehrgeizig, weil ich die letzten Meter jetzt erst recht schaffen will. Müde, weil die Füße und der Körper eine Pause brauchen. Freudig, weil wir es geschafft haben, weil wir Rom endlich sehen. Ein unvergesslicher Moment. Wir stellen unsere Zelte auf und genießen den Sonnenuntergang. Vögel fliegen in Formationen der Sonne entgegen und geben ein unvergleichbares Bild. Ich versuche noch eine Nachtaufnahme von der Stadt zu machen, ehe ich mich ins Zelt lege und einschlafe.

Kindheit

Schon als Kind waren Natur und Freiheit die wichtigsten Aspekte für Simon. Er tollte draußen herum, kletterte auf Bäume, machte Schlammschlachten, genoss, was Mutter Natur ihm bot. Simon passte noch nie in eine typische Schublade. Er sieht die Natur als seinen Ruhepol. Nachtspaziergänge holen ihn zurück in seinen Ausgleich, kein Lärm, keine Menschen, nur die Natur um ihn herum. Ein großes Hobby ist die Fotografie, Simon ist viel unterwegs, immer auf der Suche nach schönen Plätzen und Motiven, die er festhalten kann.

Simon

Simon Nagl ist 25 Jahre alt, wohnt in Altmünster und arbeitet nun als Vermessungstechniker. Sein Lebensziel ist es, am Sterbebett zu wissen, dass er vielleicht nicht ausnahmslos alle Träume geschafft hat, aber den Großteil davon verwirklicht. 2200 Kilometer ging der Fernwanderer bereits durch die Welt, viele Ziele sind noch offen. Der Pacific Crest Trail, Neuseeland, Patagonien, Kuba und viele mehr. Eine längere Weltreise ist auch in Planung, Simon will so lange durch die Welt gehen, bis es ihn wieder nach Hause zieht. Ob und wann das passiert, steht bis dahin offen.

Martina

Ich kenne Simon von einem seiner Vorträge, den er in Schörfling am Attersee hielt. Seine Story hat mich begeistert, mit so einem jungen Alter so ein großes Abenteuer zu starten. Der Vortrag war vor unserer Weltreise, was mich damals noch mehr motivierte, wenn auch nicht zu Fuß. Seitdem verfolgen Alex und ich seinen Weg durch die Welt. Es hat mir großen Spaß gemacht, Simon für dieses Portrait zu interviewen und seine Geschichte zu schreiben. Stille Wasser sind tief und so würde ich Simon tatsächlich beschreiben. Ich danke ihm hiermit für die tolle Zusammenarbeit und die ehrlichen Worte und hoffe noch viele Eindrücke von seinen Erlebnissen zu bekommen.

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