Weltreisegefühle nach 300 Tagen

Befinden: gespannt auf die nächsten Ziele und doch schon etwas müde
Zeitpunkt: Kuala Lumpur – 300. Tag der Reise
Lektion: Lebe mehr im Hier und Jetzt

Das Hier & Jetzt
Im ersten halben Jahr verbrachten wir viel Zeit mit der Reiseplanung. Welches Hostel hat das beste Preisleistungs-Verhältnis? Wo ist die beste Lage? Was dürfen wir nicht versäumen? Was machen wir im nächsten Land? Wir haben sehr viel Zeit in Recherche und Organisation gesteckt. Dies hat sich mittlerweile reduziert. Natürlich legen wir immer noch Wert auf gewissen Dinge, wie einen guten Preis bei der Unterkunft. Das muss man ja auch als Backpacker. Jedoch haben wir angefangen, mehr zu vertrauen und spontaner zu entscheiden. Wir planen nicht mehr einen ganzen Tag, wir sind unterwegs bis wir genug haben und freuen uns dann auf den nächsten Tag. Wir hetzen auch nicht mehr von einem Must-See zum Nächsten nur um ein weiteres Bild der bereits vorhandenen Millionen zu bekommen. Viel wichtiger ist es uns geworden im Hier und Jetzt zu leben. Gewisse Momente festzuhalten, dank weniger Entscheidungen freier zu sein. Was nützt es schon, eine Liste abzuhaken, wenn man doch eigentlich gar nicht will. Nur um sagen zu können, ich war dort? Nein, der wahre Sinn steckt dahinter, sich treiben zu lassen, nach seinem Bauchgefühl zu gehen. Die Menschen zu beobachten und den Lifestyle zu spüren. Somit hat man auch viel weniger Druck, alles mitzubekommen. Wir haben mit weniger Planung auch viel mehr Zeit für die aktuelle Destination. Was habe ich von Malaysia, wenn ich tagelang über der Planung von Vietnam hocke? Genau, zu wenig. Somit sind wir sehr gespannt auf die anderen Länder Südostasiens und werden durch das reduzierte Planen mit Sicherheit mehr überrascht werden.

Von Reisemüdigkeit & dem Widerwillen, Entscheidungen zu treffen
Wir sind müde geworden. Das mag sich vielleicht lächerlich anhören, denn immerhin haben wir ja ein Jahr Urlaub und hüpfen von einem Strand zum Nächsten, stimmt´s? Nein. Wir tragen 2-3-mal die Woche unsere 15 Kilo schweren Rucksäcke hinten und unsere Tagesrucksack vorne durch die Welt. Egal ob es regnet, stürmt oder die Sonne mit 35 Grad auf unsere Köpfe scheint. Jeden Tag bekommt unser Gehirn eine Flut an neuen Eindrücken, die es neben den immer Neuen zu verarbeiten gilt. Wir haben einen mittlerweile sehr beliebten Blog zu pflegen und mit Neuigkeiten aktuell zu halten (was uns natürlich immer noch Riesen Spaß macht, aber eben auch viel Arbeit ist). Bereits vor der Reise haben wir von der Reisemüdigkeit gehört. Man ist antriebslos, kann nicht mehr alles aufnehmen, ist dauermüde. Diesen Zustand bekommt man, wenn man zu schnell reist und somit einfach zu viel erlebt. Und so geht es uns gerade. In den letzten Wochen haben wir begonnen, langsamer zu reisen. 4-5 Tage bleiben wir mittlerweile an einem Ort. Hier und da schmerzt es in Rücken und Gelenken von der Last des Rucksacks und den verschiedenen Betten, das schwüle Wetter macht einem oft das Atmen schwer. Auf Bali hatten wir das Glück, eine große Last mit unseren Freunden heim schicken zu können. Wir haben so richtig ausgemistet, auch bei Backpackern sammelt sich das Hab und Gut. Es tut unglaublich gut, die letzten Monate noch einmal mit weniger Last durch die Länder zu reisen. Was noch auffällig ist, so ein Reisetag strengt uns mittlerweile viel mehr an, als noch am Anfang. Zum Beispiel in Amerika fuhren wir 3 Stunden mit dem Auto in den National Park, machten dort 3 Wanderungen und fuhren dann wieder 3 Stunden nach Hause. Nun schlendern wir 4 Stunden durch die Großstadt und das reicht uns dann auch schon. Entscheidungen zu treffen, fiel uns ebenfalls schon mal leichter. Oft erwischen wir uns dabei, dem Anderen aufzutragen, die Entscheidung zu treffen. Denn das sind viele: Was essen wir, wo können wir einkaufen, wie fahren wir von A nach B, was wollen wir heute sehen, wo kann ich Geld beheben, wann starten wir in den Tag. Auf einer Langzeitreise hat man eben keinen Alltag wie zu Hause, wo man gewisse Routinen lebt. Wir müssen jeden Tag aufs Neue überlegen und entscheiden und das kann schon etwas kräfteraubend sein. Natürlich werden wir noch das ein oder andere auf unserer Route durch das langsamere und spontane Reisen streichen, jedoch haben wir bereits so unendlich tolle Dinge erlebt und gesehen, dass uns der eigene Zustand und das Gefühl des entspannten Reisens definitiv wichtiger sind. Und somit gewinnen die einzelnen Erlebnisse wieder viel mehr an Besonderheit und vor allem an Präsenz.

Gedanken an das Ende der Reise
10 Monate sind wir bereits unterwegs, die Zeit vergeht, nein sie verfliegt. Da wir wissen, wie schnell diese Zeit verstrichen ist, fangen wir an, an das Ende der Reise zu denken. Natürlich haben wir noch gut 2 Monate Zeit, in denen viel passieren wird. Trotzdem steigt bereits auf viele Dinge die Vorfreude. An erster Stelle auf Familie und Freunde. Unsere Lieben fangen an nach zu fragen, ob es denn schon ein Datum des Heimfluges gibt und man hört immer öfter, dass man sich auf uns freut. Das macht die Vorfreude auf zu Hause auch bei uns größer und auf vieles mehr. Beispielsweise auf das Kochen. Unsere eigene Küche, kein Plastik Geschirr und auf regionale Leckerbissen. Nicht oft hatten wir die Gelegenheit zu kochen, da wir meistens keine Küche benutzen konnten und wenn, dann nur mit geringen Mitteln. Wir freuen uns auf die gute regionale Qualität zu Hause, mit der wir viele Highlights der Reise nach kochen können. Es wird einige Projekte geben, auf die wir selbst schon sehr gespannt sind. Zu Hause werden wir seit einem Jahr den Rucksack komplett leeren und nicht mehr aus ihm leben. Vielleicht werden wir ihn nicht gleich in der ersten Zeit verstauen, sondern einfach ein wenig bei uns lassen als Erinnerung an das vergangene Jahr. Mittlerweile sind unsere Rucksäcke voll mit bunten Aufnähern der verschiedenen Länder, die uns immer an die Reise erinnern sollen. Wir werden wieder wohnen. An einem Platz. Unsere Habseligkeiten werden einen festen Platz bekommen. Gewisse westliche Standards wie normale Toiletten, Trinkwasser aus der Leitung oder das eigene Bett sind für viele selbstverständlich, weil man diese Dinge ja immer hat. Wir werden diese Standards wieder sehr genießen. Wenn ich da an Kuba denke, als wir stundenlang durch die Stadt irrten, nur um ein paar Wasserflaschen zu kaufen. Oder die Nacht auf 5.000 Meter bei Minusgraden auf einem Betonbett. Solche Dinge werden wir wohl nie vergessen :).

Natürlich macht sich auch Skepsis breit. Wie werden wir wieder in den Alltag finden? Wir werden ein Stück Freiheit verlieren indem wir sozusagen wieder in unser Leben einsteigen. Pflichten müssen wieder erfüllt werden. Große Entscheidungen werden fällig. Wie wird es arbeitstechnisch bei uns weitergehen, in welche Richtung? Welchem Lebensstil werden wir nachgehen? Wie werden wir damit klarkommen, nach einer gewissen Regelmäßigkeit zu leben? Das Leben zu Hause haben wir vor knapp einem Jahr hinter uns gelassen und sogar vergessen, wie manche Dinge waren. Zum Beispiel beim immer gleichen Supermarkt ein zukaufen, oder jeden Tag um die gleiche Uhrzeit aufzustehen. Sich auf das Wochenende zu freuen und Ausflüge einzuteilen. Jeden Tag in die Arbeit zufahren und Geld zuverdienen. Wir werden in den alten Freundeskreis zurückkehren, unsere neuen Freunde von der Reise im Herzen behalten. Wie haben wir uns verändert? Viele Langzeitreisende erzählen von Schwierigkeiten nach der Reise. Einige planen sogar gleich die nächste Reise, weil sie sich eingesperrt fühlen. Manchmal nicht verstanden fühlen. Ich denke es werden einige Hindernisse auf uns warten. Vielleicht werden wir auch manchmal traurig sein, Gespräche mit anderen Reisenden vermissen. Was uns stärkt ist jedoch unsere Motivation und zu wissen, dass man sich zu Hause auf uns freut und uns unterstützt. Wir sind voll motiviert unser Leben neu zu kreieren. Wir haben einige Gewohnheiten abgelegt und wertvolle Ansichten dazu gewonnen. Das wird sich in unserem neuen Lebensstil widerspiegeln. Wir sind gespannt, was uns erwartet und blicken mit Neugier und Vorfreude in die Zukunft.

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